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Geschichte des Stadtarchivs und der Landesgeschichtlichen Bibliothek

Das Institut Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek, die wohl traditionsreichste städtische Kultureinrichtung, bewahrt die historische Überlieferung der Stadt mit i. d. R. unikalen Archivalien und ausleihbaren Büchern auf, vermittelt sie in der Gegenwart und gibt sie in die Zukunft weiter – und zwar für jeden, der richtige Antworten auf alle Fragen zur Geschichte Bielefelds und seiner Menschen sucht.

 

Eine Geschichte von Verlust und Engagement

Das war freilich nicht immer so: Ursprünglich waren Archive „Rüstkammern des Rechts“, die der Träger/Eigentümer einrichtete, um mit den aufbewahrten Dokumenten sein individuelles Recht beweisen und durchsetzen zu können. Die älteste überlieferte Nachricht über ein städtisches Archiv in Bielefeld liefert eine am 1. August 1613 geschriebene Notiz auf einem Notariatsinstrument von 1601, wonach sich die betreffende Urkunde „in eins erbarn Raths hieselbst Archiven“ befand. Die Dokumentenverluste bis zum Ende der Frühen Neuzeit sind nicht mehr zu rekonstruieren – bis 1700 sind in der städtischen Überlieferung nur 65 Akten vorhanden –, und auch der Urkundenbestand ist im Vergleich zu anderen Städten eher gering. Bei der Belagerung Bielefelds durch Truppen des münsterischen Fürstbischofs Christoph Bernhard von Galen (1606-1678) gingen 1673 einige Urkunden verloren oder wurden beschädigt.

 

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts setzte – wie bei anderen Archiven – ein Funktionswandel ein, nachdem die mittelalterlich-frühneuzeitlichen Vorrechte hinfällig geworden waren und den Urkunden und Akten überwiegend nur noch ein historischer Wert zuerkannt werden konnte. Und auch dieses war in Bielefeld nicht selbstverständlich und es bedurfte der Initiative geschichtsinteressierter Kreise, um das historische Erbe der Stadt amtlicher Vernachlässigung zu entziehen, es zu sichern, zu erweitern und transparent zu machen. Bereits 1820 rügte die Regierung Minden die „bedeutende[r] Unordnung“ des Archivs und der Landrat ergänzte, dass es „spoliirt“ (bestohlen) worden sei. Mit Genehmigung der Regierung verkaufte der Magistrat noch 1856 trotzdem „15 Haufen alter Akten“ an Kleinhändler, darunter Vorgänge zu Juden (1673) und Handels- und Fabrikzuständen (1798-1800), das Ratsopfergeldbuch (1661) und Familienlisten (1757, 1763, 1773, 1781).

 

Weitere einnahmenorientierte Aktenverkäufe, unaufgeklärte Diebstähle und unkontrollierte Vernichtungen verhinderte allein das Eingreifen des 1876 gegründeten Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg. Dessen Vorsitzender Prof. Dr. Otto Nitzsch (1824-1904) widmete sich umgehend dem Rathaus-Archiv. Als „wahres Martyrium“ bewertete die 1901 anlässlich des 25-jährigen Vereinsbestehens veröffentlichte Vereinschronik die archivpflegerische Arbeit von Nitzsch: „Was hier ´Archiv´ genannt wird, war in Wahrheit ein Bodenraum mit einem Chaos verstaubter Akten, welche dort in wirren Haufen von Zeiten irgend einer Umquartierung umherlagen.“ Das ehrenamtliche Engagement erhielt den bedrohten Bestand und Dank der sozialen Vernetzung der Vereinsmitglieder konnte er sogar erweitert werden, so dass originär städtische Unterlagen durch Ankauf oder Schenkung aus privater Hand in Vereinsbesitz gelangten, wie z. B. die ersten Protokolle der Ratssitzungen 1586 bis 1628. Zugleich legte der Verein den Grundstein für die heutige Landesgeschichtliche Bibliothek (LgB), indem er Bücher zur Geschichte Bielefelds und des Ravensberger Landes sowie – mit abnehmender Dichte – Westfalens, Niederdeutschlands und zur allgemeinen deutschen Geschichte sammelte.

 

1895 schließlich schenkte der Historische Verein seine Sammlungen der Stadt, jedoch betreuten Vereinsmitglieder weiterhin Archiv und Bibliothek, von 1908 an erstmals mit städtischen Mitteln. Öffentlich genutzt werden konnte das Archiv allerdings kaum, denn auch nach 1918 beschränkte sich die Öffnungszeit auf nur eine Stunde – in der Woche. Der Zweite Weltkrieg ging am Archiv schadlos vorbei, beim Luftangriff vom 30. September 1944 verbrannten aber etwa 50 Jahrgänge der archivwürdigen, jedoch noch nicht an das Archiv abgegebenen Stadtrechnungen aus dem 19. Jahrhundert. Eine Sichtung der Akten der „Reposituren“ auf dem Rathausboden offenbarte 1959 erhebliche Verluste zwischen 50 und 90 %, die auf frühere Aktenvernichtungen zurückzuführen waren.

 

Nach Kriegsende zogen die Bücher und Dokumente in die Velhagensche Villa an der Werther Straße um. Als das Gebäude dem Bau des Ostwestfalen-Damms weichen musste, stand der nächste Ortswechsel an. Im ehemaligen Fabrikationsgebäude der Anker-Werke an der Rohrteichstraße erhielten Archiv und Bibliothek im Juni 1975 eine neue Heimat. Die als Provisorium gedachte Unterbringung hielt nahezu vier Jahrzehnte an. Erst Anfang 2012 konnte am Bielefelder Neumarkt ein neues Gebäude mit vergrößerten Publikumsflächen, modernem Mobiliar und optimierten Magazinbedingungen bezogen werden – rechtzeitig zum 800. Stadtjubiläum 2014.

 

Eine Zukunft für die Vergangenheit

Heute ist das Institut Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek ein Ort erfahrbarer Stadtgeschichte, zentrales Gedächtnis und historischer Informationsspeicher der lokalen Gesellschaft und der Stadtverwaltung. Urbanes und dörfliches Leben, politisches, wirtschaftliches, soziales und kulturelles Geschehen sind nur hier dauerhaft und komplex nachvollziehbar. Es ist damit der zentrale und einzige Ort des Zugangs zu historischen/historisch gewordenen, nicht interpretierten Verwaltungsinformationen der Stadt. Verbunden ist er mit einer überwiegend wissenschaftlich profilierten stadt- und regionalgeschichtlichen Bibliothek. Diese Alleinstellungsmerkmale machen das Institut als kulturell-historisches Gedächtnis zum transparenten Koordinations- und Informationszentrum für Bürgerschaft, Forschung und Verwaltung. Die Publikumsinteressen erscheinen unbegrenzt: Wissenschaft und Bildung, Heimatgeschichte und die boomende Genealogie, die Vorbereitung und Überprüfung von Verwaltungsentscheidungen, journalistische Recherchen etc.

 

Das Stadtarchiv ist abschließend alleinverantwortlich für die in der Kommunalverwaltung und ihren Vorgängern entstandenen Unterlagen zuständig, wenn diese für die Aufgabenerledigung nicht mehr benötigt werden und amtliche Aufbewahrungsfristen abgelaufen sind. Es prüft diese archivreifen Unterlagen ausschließlich nach archivfachlichen Kriterien auf Vernichtung oder unbefristete Aufbewahrung, restauriert sie, strukturiert und erschließt sie in einer Datenbank, die z. T. auch im Internet recherchiert werden kann. Ergänzend werden stadthistorisch wichtige Dokumente von Persönlichkeiten und Familien, Stiftungen und Unternehmen, Parteien und Gewerkschaften, Verbänden und Vereinen archiviert. Zum Bestand zählen u. a. 621 Urkunden ab 1240, etwa 6 Kilometer Akten, jeweils 9 000 Karten und Plakate, Zeitungen ab 1809 und mehr als 75 000 Fotos. Eine Besonderheit ist die von Otto Westermann (1840-1895) eingerichtete, nach Sachthemen gegliederte Zeitungsausschnittsammlung, die oftmals den ersten Rechercheeinstieg bietet. Die Archivaufgabe des 21. Jahrhunderts freilich besteht in der Sicherung digitaler Unterlagen, d. h. derjenigen Verwaltungsvorgänge, die nicht mehr auf Papier abgebildet werden, sondern ausschließlich als elektronische Datei. Das Problem liegt hier in den Datenformaten, da die archivierten Daten zeitlich unbegrenzt gespeichert und vor allem dauerhaft lesbar gehalten werden müssen – so wie eben jene Urkunde von 1240.